Bücher zum Nachdenken Selfpublisher

Tage wie Türkis (Buchrezension und Autoreninterview)

Mai 10, 2018

von Jennifer Hilgert

Handlung:

Tage wie Türkis schmecken nach Pfefferminze und Lakritz. Sie atmen Widerstand ein und Freundschaft aus.

Ungeplant begegnet Amy ihrer Vergangenheit. Mit einem gewaltigen Gedankenguss bahnt sich allerhand Ballast aus achtzehn Jahren seinen Weg in ihre Gegenwart, ungeordnet und doch fein säuberlich dokumentiert in ihrem alten Tagebuch May.

Seit sie die erste Seite aufgeschlagen hat, spinnen nicht enden wollende Fragen ein Netz aus Vergangenheit und Zukunft in ihren Gedanken. Was macht das Glück in den Momenten, in denen man es am allerwenigsten ist? Wie wird man überhaupt glücklich? Und wo sind sie hin – die Tage, wie türkis?

Ein innerer Kampf beginnt, in dem sie die Gelegenheit erhält, ihre Geschichte zu verarbeiten und ihre Zukunft zu verändern.

Meine Gedanken zum Buch:

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein Buch so oft in die Hand genommen habe, wie Tage wie Türkis. Ich weiß auch nicht, ob ich schon einmal so lange gebraucht habe, um eine Rezension zu schreiben. Aber irgendwie verspüre ich den Wunsch, diesem Schatz gerecht zu werden. Denn Amy ist für mich nicht nur eine Hauptfigur aus einer Geschichte. Im Laufe der Zeit ist sie mir eine enge Vertraute geworden. Sie hat mich zum Lachen gebracht und auch zum Weinen. Sie hat mich wachgerüttelt und mich mit Themen konfrontiert, die ich längst erledigt glaubte. Jennifer Hilgert bezeichnet ihr Buch Tage wie Türkis als eine philosophische Novelle. Aber ich finde, es ist soviel mehr als das. Dieses Buch macht etwas mit einem, wenn man es zulässt.

Es gibt eine Passage, die mich besonders nachdenklich gemacht hat, denn aufgrund meines Blogs und des Internets war ich häufig damit konfrontiert:

Radikale Akzeptanz! Rebellische Selbstliebe! Hinterfrage mal, ob nicht ein großer Teil deiner Gedanken eingefärbt ist, in den Farben aus dem Leben der anderen. Wie viel von der Meinung über dich selbst ist verfälscht? Durch die Werbung, durch Social Media oder den Zeitschriften eines vorgegaukelten Reallifes. Es ist Fantasterei, wie eine gute Geschichte aus fremden Köpfen. Bloß ein Mini-Ausschnitt des wahren Lebens. Werde dir darüber bewusst, dass ein Leben nicht in einer Storytime auf YouTube stattfindet, nicht in einem hochgeladenen Urlaubsbild auf Instagram und auch nicht in Film oder Fernsehen zu Hause ist. Nichts ist dein Leben, wenn es dich nicht betrifft. Deine Realität wartet draußen vor der Tür. Nicht im Abbild der Industrie oder im Profil von Scheinpersönlichkeiten. Lasse dich inspirieren, aber lass dich nicht herunterziehen oder den Neid in dir schüren. Lerne, dein eigener wichtiger Mensch zu sein, bevor du das Leben Dritter als zu wichtig erachtest.

Dieses Buch gehört definitiv zu meinen Lieblingsbüchern. Es steckt voller Weisheit, Wahrheit und Poesie.

Ich freue mich sehr über das Interview mit Jennifer Hilgert:

Jennifer, wie ist die Idee zu Tage wie Türkis entstanden?

“Sie entstand am 22. Januar 2017 auf dem Women March – against Trump zu einer Zeit als wir noch in San Francisco lebten. Alleine für fünf Stunden alleine aus dem Haus, nach der Geburt unserer Tochter im Oktober 2016.
Ich schrieb das erste Kapitel “Türkis” nebst dampfend heißer Schokolade bestückt mit Marsmallowherzen in einem Café namens “Chow”. Zu diesem Zeitpunkt stand noch nichts außer diesem Kapitel.

Du bist Selfpublisherin. Worin siehst du deinen Vorteil und was empfindest du als schwierig?

“Ich würde lügen, wenn es nicht ein lang gehegter Wunsch von mir wäre, ein Verlagsbuch zu veröffentlichen.
Meine Vorteile als Selfpublisher sind dennoch nennenswert. Ich bin meine eigene Chefin. Vom Cover bis zum Buchsatz, vom Schriftbild bis zum Inhalt. Auch die Betitelung meiner Bücher oder die Pflege meines Blogs – alles habe ich selbst in der Hand. Ich habe mich nicht grundsätzlich an Fristen und Verträge zu halten, lediglich an das, was ich mir selbst auferlege. Ich vereinbare Termine, wie ich sie wahrnehmen kann, wobei da eine erste Schwierigkeit liegt. Mein Vorgehen vereinfacht sich sicherlich nach meiner Tagesform und nach der Befindlichkeit meiner Familie. Das heißt aber im Umkehrschluss, dass mein Zeitmanagement nicht ausschließlich meines ist, sondern immer in der Spiegelung und im Abgleich mit meiner Familie liegt. 

Wenn ich morgen an etwas weiterarbeiten will, was ich heute mit Eifer begonnen habe, weiß ich heute noch nicht, ob ich das überhaupt tun kann oder ob es in einer Nachtschicht endet. Allerdings schreibe und arbeite ich viel effizienter, seit ich ein Kind habe, weil ich die mir gegebenen Zeitfenster streng nutze.

Schwierig empfinde ich den Punkt des Marketings. Dann die Sache mit dem Branding und Social Media. Außerdem zweifele ich oft an mir. In Sachen Selfpublisher-Selbstbewusstsein muss ich mich noch viel mehr bestärken. “

Was genau liebst du an deinem Beruf?

“Ich liebe es, meine Leser mit meinen Texten dort abzuholen, wo sie stehen. Durch mein Schreiben möchte ich inspirieren, motivieren, zum Denken, vielleicht zum Umdenken anregen und unterhalten. Ich mag den Austausch mit meinen Lesern und dass ich mich durch diesen ebenso weiter entwickeln kann. Ich liebe das Schreiben und genau dass zu tun, was man liebt, ist ein großes Geschenk, von dem ich gerne auch anderen etwas abgeben möchte. “

Hast du ein Schreibritual oder eine Routine?

“Mittlerweile wieder. Morgens führe ich Tagebuch für meine Tochter. Das sind meine “Morning Pages”.
Ansonsten sind meine Bürotage, also meine Schreibzeiten, Posts und Gespräche auf den sozialen Netzwerken, die Blogbeitragspflege etc. ziemlich durchgetaktet.
Ich mache mir eine To-Do Liste für eine Woche und versuche Tag für Tag nach Priorität alles mit gestelltem Timer abzuarbeiten.”

Welcher Mensch inspiriert dich und warum?

“Das ist wie mit guten Büchern, Songs oder Filmen.
Es gibt zu viele interessante Menschen, als dass ich mich festlegen könnte.
Mich inspirieren lebensbejahende, außergewöhnliche wie gewöhnliche, weise und authentische Menschen mit einer Meinung, die nicht unbedingt meiner eigenen entsprechen muss. Schockmomente sind heilsam. Konflikte inspirieren. Trennungen ebenso. Jeder Mensch, der etwas bei mir hinterlässt, ob positiv oder negativ, regt in mir etwas. Alles was in Interaktion mit Mensch und Natur passiert, kann inspirierend auf mich wirken.
Ich mag Menschen, die leidenschaftlich bei einer Sache sind, die mich mitreißen, mich zu etwas bewegen, was ich vielleicht (noch) nicht kann, die mich mit einer Haltung in dem einen bestimmten unnennbaren Moment überraschen und die mich durch den Glanz in ihren Augen im besten Falle zu neuen Ufern bringen und mich unausgesprochen wissen lassen: Ich kann das, also kannst du es auch oder etwas ganz anderes, was du willst! Diese Magie, die Menschen versprühen, wenn da etwas passiert, etwas überspringt, in den eigenen Geist- das alles ist pur! Pure Inspiration.
Das geht von der Künstlerin, zum Obdachlosen, von der Hobbynäherin zur Joggerin. Meine Oma inspiriert mich genauso wie ein Fremder auf Instagram, der Gedichte auf Klopapier pinselt.
Interesse und Anerkennung für den Erfolg eines anderen, schafft Neid ab und wandelt ihn in Motivation. Neid ist ohnehin das Gift von Inspiration. Es zähmt. Und lähmt. “

Was hilft dir, wenn du mal schlechte Laune hast oder einen miesen Tag?

“Ein Telefonat mit meiner besten Freundin. Ein Rohrspatzmonolog mit meinem Mann, er ist mein Katalysator und findet das nicht immer angenehm. Das Beobachten meiner Tochter und die Einsicht, dass alles halb so wild ist. Musik laut aufdrehen, tanzen, putzen, lesen. Wenn nichts mehr geht, schreibe ich mich frei. “

Hast du ein Lebensmotto?

“Mehrere.

Komm schon! Nimm dir davon eine fette Portion.

Nichts ist einfach nur. Nur einfach ist nichts. 

Nur wer mag was er da tut, tut es dann auch wirklich gut. Überträgt man das auf alles was man gerade tut oder sich vornimmt, schließt man ein bisschen Frieden. Mit allem. “

Drei Dinge, auf die du gut verzichten kannst?

Unmenschlichkeit.
Meine Abwärtsgedankenspirale.
Wespen. “

Welches ist dein Lieblingsbuch und warum?

“Mein Lieblingsbuch … wieder sehr schwierig. 
Ein Buch, welches ich aber immer wieder lesen könnte, ist Momo.
Tief, magisch, wahr und zeitlos. “

Bitte vervollständige folgende Sätze:

Ein Tag ist perfekt, wenn….

mein Gefühl zu ihm stimmt und ich mindestens ein Mal laut gelacht habe.”

Am besten entspannen kann ich bei…

“einem guten Buch.

Ich habe eine Schwäche für…

“das schöne leichte Leben, Festivals und Konzerte, Schachtelsätze, das letzte Wort, lange Sonnensamstagabende mit Freunden, Cher, grünen Eistee, Flohmärkte, Rohesser, Gesangseinlagen mit meiner Oma, Käsestangen, Tassen, Spaghetti Bolo, Washi Tape, Kaugummis, Schneekugeln, VW-Busse, Bergseen. Oh man bin ich schwach …”

Meine Zeit verbringe ich am liebsten mit…

meinen Freunden und meiner Familie.”

 

Vielen Dank, Jennifer. Ich persönlich finde es immer sehr spannend, mehr über den Menschen zu erfahren, der hinter dem Buch steht.

Wenn du mehr von Jennifer lesen möchtest: Schriftverkehr

Infos zum Buch:

Softcover, 144 Seiten

Preis: 9,90 Euro

Verlag: Books on Demand

ISBN: 978-3746046488

 

 

 

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2 Comments

  • Reply Fashionqueens Diary Mai 10, 2018 at 8:36 am

    Ein toller Beitrag und ein klasse Interview! Ich mag es total, wenn man nicht nur eine Rezension liest, sondern gleichzeitig so viel mehr über die Autorin und die Geschichte hinter dem Buch erfährt! Gern mehr davon liebe Susanne <3

  • Reply Susanne Mai 10, 2018 at 11:07 am

    Vielen Dank, das freut mich sehr. Mir geht es genauso. Deswegen wird es auch mehr davon geben, wenn die Autoren dann auch wollen, natürlich. 😉 Liebe Grüße!

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