Kurzgeschichten

Tage wie dieser

März 8, 2018

Tage wie dieser

 

Der Tag hatte böse angefangen. Schon am frühen Morgen hatte nichts geklappt. Manchmal wird ein Tag, der schlecht begonnen hat, im Laufe der Stunden noch ganz erträglich. Diesmal aber wurde es immer schlimmer. Der Abend versprach schließlich alles in den Schatten zu stellen „Ach du heilige Scheiße!“ entfuhr es mir bereits am frühen Morgen, noch bevor ich meinen ersten Schluck Kaffee getrunken hatte.

„Das können Sie wohl laut sagen, meine Gute.“ Vor meiner Tür stand Frau Heidemann, die alte Schreckschraube. Im Schlepptau hatte sie Kurt, meinen Schäferhundmischling, den ich aus dem Tierheim adoptiert hatte. Und der wiederum hatte etwas Undefinierbares in seinem Maul. Ich wollte eigentlich lieber nicht wissen, worum es sich dabei handelte.

Die Heidemann wohnte zwei Häuser weiter und hatte alles natürlich wie immer genauestens beobachtet. „Ihr ungezogener Köter hat im Gartenteich vom neuen Herrn Nachbarn gewildert. Oh mein Gott, wenn ich nur an die arme Ente denke wird mir ganz anders!“

Ente? Hä? Wie? Wo? Oh mein Gott, sollte das heißen, Kurt hatte? Den Gedanken wollte ich nun lieber nicht zu Ende denken. Ich befürchtete, die Heidemann würde gleich ohnmächtig werden. Und Himmel nochmal, den neuen Typen von nebenan hatte ich noch nicht einmal persönlich kennengelernt und es mir möglicherweise jetzt schon mit ihm verscherzt. „Senta, sie brauchen unbedingt einen Mann. Und zwar einen, der mit diesem Biest hier aufnehmen kann“, sie deutete dabei auf Kurt, der immer noch die tote Ente im Maul hatte, „und der ihren drei unerhörten Gören ordentliche Manieren beibringt. Ihr Fritz braucht mal eine gehörige Tracht Prügel, wenn sie mich fragen. Hat er doch letzte Woche meinen Gartenzaun mit grüner Farbe besprüht!“

Ich seufzte. Fritz war mit seinen dreizehn Jahren eben in einem schwierigen Alter, aber wahrscheinlich machte es keinen Sinn, dies der Heidemann klar zu machen.

„Frau Heidemann, ich habe drei Kinder von drei verschiedenen Männern, einen Hund, der nicht mal Sitz kann, einen Vollzeitjob und ein Haus mit Garten. Glauben Sie mir, alles was ich brauche ist eine anständige Putzfrau, ein Kindermädchen und am besten einen Hundeflüsterer!“ Schließlich knallte ich ihr die Tür vor der Nase zu.

In der Küche wartete die nächste Offenbarung auf mich. „Ja, Mama. So ein Kackmist. Sag´s ruhig.“ Lucy, mein Nesthäkchen sah mich mit großen Augen an. In der einen Hand hielt sie ihre Bastelschere, in der anderen einige ihrer blonden Locken. „Ich wollte mir bloß den Kaugummi rausschneiden. Jetzt in echt, Mama. Aber bevor du mich schimpfst, solltest du mal mit der Paula reden. Die muss dir nämlich ganz dringend was sagen.“

Paula war meine älteste Tochter und ein 15jähriger, mürrischer Teenager. Einen Termin bei ihrem Vertretungslehrer in Englisch. Heute abend. Das war es, was mir Paula sagen musste. Sie wollte gar nicht so oft den Unterricht schwänzen. Das war irgendwie ein Versehen, beteuerte sie. Außerdem riet sie mir, mich zu diesem Treffen ordentlich in Schale zu schmeißen, schließlich sei dieser Lehrer der heißeste Typ überhaupt. Warum sie dann dennoch so oft fehlte, war mir schleierhaft.

Ich schaute in den Spiegel und war zufrieden mit mir. In meinem kurzen, pinken Sommerkleid mit den rosafarbenen Pumps, machte ich eine gute Figur, wie ich fand. Meine dunklen Locken schmeichelten meinem Gesicht.

Als ich auf dem Weg zur Schule mit einem Bauarbeiter auf der Straße flirtete, brachen er und seine Kollegen schließlich in schallendes Gelächter aus. Ich wunderte mich. Dabei hatte ich doch sonst eine so anziehende Wirkung auf die Männer. Was war heute nur los mit dieser Welt?

In der Schule tuschelten einige der Lehrerinnen hinter vorgehaltener Hand über mich und lachten. Wahrscheinlich waren sie nur neidisch. Heute sah ich einfach zu gut aus.

„Guten Tag, Frau Hofbauer“, begrüßte mich Paulas Lehrer. Dieser Mann war auf jeden Fall mehr, als einfach nur attraktiv. Er sah atemberaubend gut aus. Seine dunklen Haare fielen ihm  locker in die Stirn und bildeten einen interessanten Kontrast zu seinen grünen Augen. Unter seinem engen Shirt verbarg sich eine gute Figur.

Ich schüttelte seine Hand. „Sie können mich ruhig Senta nennen.“ Ich schenkte ihm ein betörendes Lächeln.

Unbeeindruckt von meinen Flirtversuchen fuhr er fort und hielt mir einen Vortrag über Paulas mangelndes Interesse am Englischunterricht und stellte mir die Frage, was ich dagegen zu tun gedenke.

„Hätten Sie nicht Lust, nachher mit mir essen zu gehen, Thomas?“ hauchte ich, so verführerisch wie möglich. Zum Glück hatte mir Paula seinen Vornamen verraten. „Für Sie immer noch Herr Thalbach. Außerdem treffe ich mich nicht mit der Mutter einer Schülerin und schon gar nicht mit Frauen in ihrem Alter.“ Autsch, das tat weh. Dabei war ich höchstens zehn, naja gut vielleicht auch fünfzehn Jahre älter als er. Als ich aufstand und gefrustet zur Tür ging, konnte auch er sich ein lautes Lachen nicht verkneifen. Er hüstelte. „Ich kann übrigens ihre geblümte Frotteunterhose sehen. Hübsch und ausgesprochen sexy, wirklich.“

Verdammt, ich musste den Saum meines Kleides in meiner Unterhose eingezwickt haben, als ich daheim nochmal auf dem Klo war. Warum hatte ich das nur nicht bemerkt? Und warum nur hatte ich ausgerechnet dieses Teil darunter angezogen? Mhmm, vielleicht weil ich schon seit zwei Wochen keine Wäsche mehr gewaschen hatte und mir langsam die Sachen ausgingen?

„Und Frau Hofbauer?“

Er hatte nun noch einmal meine ganze, ungeteilte Aufmerksamkeit. „Selbstverständlich werde ich Ihnen die Ente in Rechnung stellen. Von einer Anzeige jedoch sehe ich ab.“ Er grinste. Anschließend erklärte er mir, dass seine Großmutter, ihr Name sei Ludmilla Heidemann, ihn bereits bestens über den Vorfall informiert hatte.

Naja, mein Leben kann nur besser werden, oder?

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4 Comments

  • Reply Fashionqueens Diary März 11, 2018 at 8:52 am

    Eine Geschichte, über die ich wirklich schmunzeln musste 🙂 Lieben Dank dafür an diesem regnerischen, grauen Sonntag 🙂

  • Reply Susanne März 12, 2018 at 9:50 am

    Es freut mich, dass sie dir gefallen hat. 😉 Vielen lieben Dank!

  • Reply Alina März 18, 2018 at 6:31 pm

    Ich musste auch echt in mich hineinlachen! Toll geschrieben!

    • Reply Susanne März 19, 2018 at 9:59 am

      Vielen lieben Dank! Ich freue mich, dass dir meine Geschichte gefällt. 😉

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