Aus eigener Feder

So schmeckt das Leben

August 7, 2015
So schmeckt das Leben

Seit über zwei Wochen renne ich wie eine Verrückte. Ich jogge jeden Morgen, bis ich vollkommen erschöpft und außer Atem bin. Ich laufe vor meinem Leben davon. Oder ich fliehe vor den Menschen, die mich lieben und vor deren Erwartungen an mich.Manchmal halte ich das Leben einfach nicht mehr aus und ich muss weg.  

Vor zwei Wochen habe ich meinen zukünftigen Mann verlassen, mit nur einer kurzen Nachricht am Kühlschrank. Ich erinnere mich noch genau an meine Worte, die ich auf den kleinen, orangefarbenen Notizzettel schrieb: „Ich kann das hier alles einfach nicht mehr. Bitte verzeih mir.“
Zum Glück konnte ich bei Astrid unterkommen. Was wäre ich nur ohne meine weise, gute Freundin? Natürlich hat Thomas angerufen, denn er wusste gleich, wo er mich finden konnte. Er gibt mir soviel Zeit, wie ich brauche, sagt er. Anscheinend geht er fest davon aus, dass ich zu ihm zurückkehre. Er nimmt mich einfach nicht ernst. Genau wie meine Eltern. 
Sie nennen es eine Phase und denken, ich wäre nur aufgeregt wegen unserer Hochzeit, die nächsten Monat statt finden sollte. Doch ist es das? Nur eine Phase? Ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt nichts mehr.
„Erde an Katharina, ich rede mit dir.“ Vor mir steht Astrid und schaut mich fragend an. Ich bin noch völlig außer Puste von meiner morgendlichen Jogging-Runde. „Sorry, ich war irgendwie völlig in Gedanken.“ „Das habe ich bemerkt.
Möchtest du auch eine Tasse Kaffee zum Frühstück?“ Ich nicke, setze ich mich zu meiner Freundin an den Küchentisch und schweige.. „Alles in Ordnung, Kathi? Ich mache mir ein bisschen Sorgen um dich.“ 
Ich schüttle den Kopf und binde meine Haare zu einem Pferdeschwanz. „Es fühlt sich alles so verrückt an. Ich habe absolut keine Ahnung, was ich tun soll oder was ich überhaupt will.“ „Dann solltest du das herausfinden, Liebes. Anschließend musst du eine Entscheidung treffen und den Mut finden, dazu zu stehen, egal was dabei herauskommt.“ Ich weiß, dass sie Recht hat und frage mich, woher es kommt, dass Astrid immer so kluge Ratschläge zum Besten gibt. Vielleicht liegt es an ihrer Lebenserfahrung. Theoretisch könnte sie meine Mutter sein. Ich verspreche ihr, darüber nachzudenken und gehe duschen.
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Anschließend nehme ich mir eines meiner Lieblingsbücher zur Hand und suche mir ein schattiges Plätzchen im Garten. Doch richtig konzentrieren kann ich mich dort nicht. Simon, dieser Kerl, der seit einer Woche bei Astrids Hausrenovierung hilft, veranstaltet einen Heidenlärm mit einer lauten Bohrmaschine. „Hey, ich mach hier nur meine Arbeit“, antwortet er gereizt, als ich mich darüber beschwere. Ich starre auf seinen nackten Oberkörper. Es ist ziemlich heiß heute. Simon grinst, denn er bemerkt, dass ich ihn immer noch mustere, und verlegen wende ich meinen Blick ab. „Was ist dir eigentlich für eine Laus über die Leber gelaufen? Seit ich hier arbeite, habe ich dich noch kein einziges Mal lächeln gesehen.“ Ich zucke mit den Schultern. „Lange Geschichte. Außerdem will ich nicht darüber reden.“ 
 „Na schön. Dann lass es eben bleiben. Aber ich geh nachher
mit ein paar Freunden rüber in die Kneipe, was trinken. Vielleicht hast ja Lust, mitzukommen?“ Warum nicht, denke ich, und Simon bietet an, mich später abzuholen.
 Astrid schmunzelt, als ich ihr davon erzähle. „Was ist? Ich will mich einfach nur ein bisschen amüsieren. Ich kann doch nicht jeden Abend mit meiner alten Freundin auf der Couch rumsitzen und über das Leben philosophieren.“ Da muss sie lachen und ist überrascht, als ich am Abend in Jeans und einem einfachen schwarzen T-Shirt bei ihr im Wohnzimmer auftauche. „Also, ein bisschen mehr Mühe hättest du dir schon geben können. Kämm´ dir wenigstens nochmal die Haare. Und hier hast du meine Wimperntusche.“ Sie streckt mir eine schwarzes Mascara-Fläschchen entgegen. „Astrid, das ist kein Date. Nur Simon.“ Als es klingelt, zwinkert mir meine Freundin verschwörerisch zu. 
Die Kneipe ist zu meiner Überraschung sehr gemütlich. Seine Freunde sind nett und das Zusammensein mit ihnen lenkt mich ein wenig ab. Ich muss nur ganz selten daran denken, dass ich eine Entscheidung zu treffen habe. Denn eine Entscheidung bringt auch immer Konsequenzen mit sich. Doch heute Abend will ich mich unterhalten lassen, mich endlich wieder leicht und unbeschwert fühlen. 
 Nachdem wir alle etwas zu viel getrunken haben, bitte ich Simon, mich zurück zu meiner Freundin zu fahren. Unterwegs macht er eine Pause. Ich sehe ihn fragend an. Was hat er vor? „Hier komme ich immer her, wenn ich nachdenken muss. Und auf mich machst du den Eindruck, als müsstest du verdammt viel nachdenken. Vielleicht hilft dir dieser Ort dabei.“ Wir stehen auf einem Parkplatz, bei einem großen Hügel, von dem man über die ganze Stadt sehen kann. 
„Hier kommt so gut wie nie jemand her.“ Ich strecke meine Arme in Richtung Himmel und wünsche mir, tatsächlich nach den Sternen greifen zu können. Für einen kurzen Moment fühle ich mich frei und mutig. Ich atme tief durch und sehe Simon herausfordernd an. „Was ist, nimmst du mich noch mit zu dir?“ Im ersten Moment wirkt er überrascht, doch dann kann er sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Nichts lieber als das.“
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 Sein WG-Zimmer ist nicht besonders groß und zudem chaotisch. Aber das ist mir völlig egal. Denn in diesem Augenblick will ich mich spüren. Ich will Simon spüren und endlich wieder fühlen, dass ich am Leben bin. Simon mustert mich mit seinen tiefblauen Augen und lässt seinen Blick kurz auf mir ruhen, bevor er mich küsst. Meine Hände wandern unter sein T-Shirt und ich kann es kaum erwarten, seinen Körper zu erkunden. Ihm scheint es genauso zu gehen, denn bevor ich mich versehe, stehe ich nackt vor ihm. Ich liebkose seinen Hals und zeichne mit meinen Fingern die Muskeln nach, die sich unter seiner Haut abzeichnen. Er schmeckt so gut. Das alles hier schmeckt nach Leben und Freiheit. Ich will es auskosten, genießen. Ich lasse mich fallen, gebe mich hin. Es spielt keine Rolle, dass wir uns kaum kennen, denn unsere Körper scheinen trotz allem miteinander vertraut zu sein. So etwas habe ich noch nie zuvor erlebt. So habe ich mich noch nie zuvor erlebt. 
 Nachdem wir uns nocheinmal Mal geliebt haben, schlafe ich erschöpft in Simons Armen ein. Am frühen Morgen wache ich auf, ziehe mich leise an und gebe Simon vorsichtig einen Kuss auf die Stirn. Er schläft tief und fest.
 Draußen regnet es. Trotzdem beschließe ich, zu Fuß zu Astrids Haus zu laufen. Ich fühle mich seltsam. Leicht und auch ein wenig traurig. Die Nacht mit Simon war wunderbar und hat mich aus meiner Lethargie gerissen. Doch jetzt ist es an der Zeit, in die Realität zurückzukehren.
 Ich kann nicht in mein altes Leben zurück. Denn ich liebe Thomas nicht genug, um ihn zu heiraten und auch meinen Eltern kann ich diesen Gefallen nicht tun. Ich weiß, dass für sie eine Welt zusammenbricht. Thomas ist der Traumschwiegersohn schlechthin. Er ist wohlhabend, erfolgreich, sieht gut aus, hat gute Manieren und er liebt mich. Aber ich bin nicht mehr bereit, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Ich will wild und frei sein.
Ich will mein Leben vorerst allein verbringen, reisen und herausfinden, wer ich bin und wohin ich gehöre. Ich werdeThomas verletzen und auch andere Menschen mit meiner Entscheidung vor den Kopf stoßen. Außerdem hoffe ich, dass Simon unsere Nacht auch als One-Night-Stand betrachtet, und keine Gefühle hat.
Ich beschließe, mich nachher gleich von Astrid zu verabschieden, denn ich möchte noch einen kurzen Abstecher in mein altes Leben machen und mich den Konsequenzen stellen.

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