Aus eigener Feder

Schwesterherz

Juli 18, 2015

 Hallo ihr Lieben,

heute gibt es eine Geschichte von mir zu lesen. Ich habe sie am Anfang meines Studiums (ich studiere Belletristik an der SDS per Fernstudium) für einen Kurzgeschichtenwettbewerb geschrieben. “Schwesterherz” wurde mit dem 3. Platz ausgezeichnet und ich bin sehr stolz auf meinen ersten Preis. Die Geschichte widme ich meiner “kleinen” Schwester.

Schwesterherz

„Es ist kaum zu glauben, dass ihr beide tatsächlich Schwestern seid, wenn man euch so zusammen sieht“, meinte die alte Frau Gebhardt in der Buchhandlung, während sie meiner Mutter die bestellte Lektüre gab. „Ach wissen sie, eigentlich ist Carla gar nicht meine leibliche Schwester. Meine Eltern haben sie adoptiert, als sie noch ein Baby war“, sagte ich gelangweilt. Während meine Mutter mich aus den Augenwinkeln böse anfunkelte und meine Schwester mit den Tränen kämpfte, genoss ich den überraschten Gesichtsausdruck der neugierigen Buchhändlerin. Denn die ältere Dame war nun völlig irritiert. Doch ich wusste auch, was mich zu Hause erwarten würde. „Kathinka Leonore Berger, verschwinde augenblicklich in dein Zimmer und lass dich die nächsten zwei Wochen nicht mehr blicken, bis du wieder klar im Kopf bist“, hörte ich meine Mutter in Gedanken brüllen.

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Carla feierte vor Kurzem ihren 15. Geburtstag und war somit zwei Jahre jünger als ich. Während ich mit meinen dunklen Augen, den schwarzen Haaren und der schlanken Figur eher nach unserem Vater Clemens kam, gab es in unserer gesamten Familie niemanden, dem Carla auch nur ein kleines bisschen ähnlich sah. Meine Schwester war eher klein und pummelig, weswegen sie oft gehänselt wurde. Auch ihre eisblauen Augen, die stets vor Neugier blitzten und immer unglaublich wach wirkten, waren in der gesamten Familie einmalig. Um ihre langen blonden  Locken jedoch wurde sie sogar von mir beneidet. Die Leute sagten immer, sie sehe aus wie ein Engel und überhaupt sei sie der reinste Sonnenschein. Dabei konnte einem ihre andauernde Fröhlichkeit wirklich auf die Nerven gehen.
Aufgrund unseres unterschiedlichen Aussehens und weil wir kein besonders gutes Verhältnis zueinander hatten, erzählte ich den Leuten oft, Carla wäre adoptiert. Meine Eltern waren jedes Mal aufs Neue entsetzt und meine Schwester zutiefst gekränkt. Im Grunde genommen war es gar nicht Carla selbst, die ich hasste. Vielmehr war es dieses unangenehme Gefühl, dass ich immer hatte, wenn ich mich in ihrer Gegenwart befand. Dann fühlte ich mich meistens klein und unsicher.
Denn trotz ihrer pummeligen Figur und den vielen Hänseleien wirkte sie unglaublich selbstbewusst und klug. Es hatte den Anschein, als wäre sie der unangefochtene Liebling meiner Eltern. Außerdem konnte ich es gar nicht leiden, dass ihre Haut so rein und klar war, während sich mein Gesicht vor Pickeln kaum retten konnte. Zudem Ganzen kam auch noch, dass sie mir ständig aus der Klemme half. Deshalb entkam ich auch des Öfteren dem lästigen Hausarrest, den mir unsere spießige und meiner Meinung nach viel zu strenge Mutter unnötig oft aufbrummte. Carla hatte zum Glück kein Problem mit Notlügen und verteidigte mich immer, so gut sie konnte. Insgeheim wusste ich aber, dass sie damit nur meine Zuneigung und Aufmerksamkeit gewinnen wollte. Aber ich kam nicht damit klar, dass es ständig die kleine Schwester war, die immer stark zu sein schien und ihre große Schwester beschützte. Eigentlich sollte es doch umgekehrt sein.
Da unsere Mutter noch einiges zu erledigen hatte und Carla und ich uns bereits langweilten, gingen wir inzwischen zu Fuß nach Hause. Gerade als wir in unsere Straße einbiegen wollten, packte jemand Carla am Ärmel und schubste sie nach hinten. „Na Fettklops. Das war heute aber keine gute Idee von dir, mich nicht bei der Mathearbeit abschreiben zu lassen.“ Jennifer und ihre Mädchengang bauten sich bedrohlich vor uns auf. 
Ich konnte Carlas Angst spüren, denn ich erinnerte mich nur zu gut, dass ihre beste Freundin bereits einmal ein blaues Auge von denen kassiert hatte. Auf einmal wirkte meine kleine Schwester gar nicht mehr so selbstsicher und heldenhaft wie sonst.  Auch ich fühlte mich mehr als unbehaglich, denn diese Mädchen waren für ihre Gewaltbereitschaft bekannt. Meine Hände waren eiskalt und ich zitterte. 
Doch da fiel mir plötzlich wieder etwas ein und ich nahm all meinen Mut zusammen und stemmte die Hände in die Hüften. „An deiner Stelle würde ich ganz schnell die Klappe halten, Jennifer.“ Die anderen Mädchen lachten lauthals. Denn normalerweise war niemand so dumm, sich ihnen in den Weg zu stellen. „Was willst du denn Pickelgesicht? Eine gebrochene Nase riskieren? Geh mir lieber aus dem Weg.“ 
Überraschenderweise hielt ich selbstbewusst ihrem herausfordernden Blick stand und grinste ihr frech ins Gesicht. „Wenn du Carla nicht ab sofort in Ruhe lässt, dann erzähl ich deinen Mädels einmal, mit wem du gestern nach dem Unterricht hinter der Schule herumgeknutscht hast.“ Jennifer wurde auf der Stelle leichenblass. „Wag es bloß nicht, Pickelgesicht.“ Aber ich war mir sicher, ihren wunden Punkt getroffen zu haben, denn sie zog sich sofort zurück. 
„Kommt Mädels, wir gehen. An dem Fettklops und dem Pickelgesicht machen wir uns doch die Finger nicht schmutzig.“ Ohne die Fragen ihrer Freundinnen zu beantworten, machte sie sich davon. „Was war denn das?“ wollte meine kleine Schwester wissen. „Wen könnte die schon geküsst haben, dass sogar ihr Ruf  in Gefahr wäre. Stefan, Kevin oder einer von den anderen Idioten sind ja wohl kaum der Rede wert, oder?“ Ich schüttelte den Kopf. „Es war Saskia aus meiner Klasse. Du weißt doch, die große Blonde.“  Carla fing an zu lachen und ich stimmte mit ein. Zum ersten Mal fühlte ich mich wie die beste, große Schwester auf der ganzen Welt. Endlich konnte ich einmal ihre Heldin sein.

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2 Comments

  • Reply das kleine große Glück September 19, 2016 at 6:32 pm

    Von Herzen gerne 😉

  • Reply Anonym September 19, 2016 at 6:32 pm

    Danke Schwesterchen 😉

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