Aus eigener Feder

Leah

November 7, 2016

Es war der Sommer nach dem schrecklichen Unfall, als Leah uns das erste Mal gemeinsam mit ihrer Mutter besuchte. Vieles hatte sich verändert und das Anwesen von Fanny Karl wirkte heruntergekommen und einsamer als je zuvor.

Die alte Dame war dankbar für den Besuch, denn ihr Sohn war für ein paar Wochen in die Karibik geflüchtet, um dort dem Schock und der Trauer zu entkommen. Der Verlust lastete schwer auf der ganzen Familie. Doch Fanny war geblieben. Niemals zuvor hatte sie ihr Heim für länger als ein paar Stunden verlassen. Das alte Herrenhaus auf dem einsamen Stück Land war schon immer ihr zu Hause gewesen. Bereits ihre Großeltern waren dort geboren.

Auch ich freute mich auf Leah. Sie wirkte offen und fröhlich. Ja, ich mochte ihre ganze, unbeschwerte Art. Doch aus irgendeinem Grund,  schien sie sich vor mir zu fürchten. Vom ersten Augenblick an, war mir klar, dass sie ein ganz außergewöhnliches Mädchen sein musste.

Die Bestätigung dafür bekam ich schließlich eines Nachmittags, als ich sie vom offenen Fenster im oberen Stock, beim Spielen beobachtete. Niemand hatte der Kleinen bisher von dem Unglück erzählt. Mit ihren acht Jahren war sie genauso alt, wie mein Sohn Leopold. “Na los, fang mich doch, du lahme Ente!”, hörte ich sie von unten rufen. Mein Herz machte vor Freude einen Satz, als ich sah, wie mein Sohn ihrem Aufruf folgte. Seit dem Unfall hatte ich ihn nicht mehr so ausgelassen erlebt. Er war schrecklich einsam. Leopold hatte ja nur mich.

Diese außergewöhnliche Situatuion hatte meine Neugierde geweckt. Leah und Leopold ließen sich unter einem der riesigen, alten Obstbäume in Fannys üppigen Garten fallen und Leah biss genussvoll in einen Apfel, den sie gerade gepflückt hatte. “Weißt du, dass du aussiehst wie ein Engel, wenn du deine Haare offen hast?” Leah schaute verlegen auf den Boden. Doch dann nahm sie ihr Haargummi heraus, das ihre langen blonden Locken zu einem Zopf gehalten hatte. Ihre großen braunen Augen funkelten. Dann strich sie über ihr weißes Sommerkleid mit den roten Kirschen und zog sich ihre Jacke über. Es schien, als würde sie plötzlich frieren. In der Tat wirkte sie wie ein Engel.

Aber auch mein Leopold war ein bildhübscher Junge. Seine weißen Haare versteckte er meistens unter der Baseballkappe, die ihm sein Vater damals geschenkt hatte. Leos Augen blitzten früher stets vor kindlicher Neugier. Doch auch er war in letzter Zeit sehr blass geworden.

“Leah, Abendessen!” Es war die nervige Stimme ihrer stets gestressten Mutter Monika. Ich kannte die Frau kaum, da sie nur eine entfernte Verwandte von Tante Fanny war. Doch ich hatte vom ersten Augenblick an beschlossen, sie nicht zu mögen.

Leahs Wangen glühten vor Aufregung und sie kam fröhlich in die Küche gehüpft, wo ihre Mutter bereits am Tisch saß und Fanny das Hähnchen servierte. Ganz außer Atem sagte das Mädchen: “Wisst ihr was? Es ist ganz toll hier. Vorhin habe ich mit einem  ganz ganz netten Jungen gespielt. Er heißt Leopold und er hat gesagt, dass er auch hier wohnt.” Da brach Fanny in Tränen aus uns stürzte aus dem Zimmer. Monika gab ihrer Tochter eine schallende Ohrfeige. “Sag mal spinnst du? Findest du das etwa lustig?” Leah fing bitterlich an zu weinen und wusste nicht, was sie Schlimmes getan hatte. “Schämen muss man sich für dich, Kind. Fannys Enkelsohn ist mit seiner Mutter im Frühling bei einem schrecklichen Unfall ums Leben gekommen. Das weiß jeder. Und jetzt komm mir bloß nicht wieder mit deinen Schauergeschichten.” Lieblos schubste sie ihre Tochter zur Seite und suchte nach ihrer Tante.

Leah stand der Schock regelrecht ins Gesicht geschrieben. Sie tat mir so leid. Schließlich war sie noch ein Kind. Als sie mich hilfesuchend ansah, zwinkerte ich ihr aufmunternd zu und glitt lautlos durch die verschlossene Verandatür. Jetzt, da ich wusste, dass dieses außergewöhnliche Mädchen uns sehen konnte, musste ich nur noch eine Möglichekeit finden, sie um Hilfe zu bitten. Denn schießlich hatte meine geliebte Schwiegermutter Fanny das Recht zu erfahren, dass unser Tod kein Unfall war. Die heimliche Geliebte meines Mannes hatte uns vergiftet.

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2 Comments

  • Reply Monika Schmid Juli 7, 2017 at 7:42 am

    wunderschön und fesselnd….bitte schreibe ein ganzes Buch über Leah und ihrem Schicksal.
    Liebste Grüße Monika

  • Reply Susanne Juli 7, 2017 at 9:10 am

    Hallo Monika,
    vielen lieben Dank für dein tolles Feedback. Das freut mich wirklich riesig. Es ist einer meiner persönlichen Lieblingstexte. 😉 Mal schauen, ob ich daraus noch etwas mache. 😉
    Liebe Grüße.

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